Die Börsen und die Übertreibung
Die Börsen sind dafür bekannt nicht rational zu verlaufen. Der Hauptgrund dafür ist, dass es zum Großteil letztlich eben doch noch Menschen sind welche die Kurse beeinflussen und Menschen haben nunmal Emotionen und handeln nicht immer rational. Herrscht ein Umfeld aus Angst, wie beispielsweise im August 2011, dann werden gute Nachrichten gerne ausgeblendet, schlechte dagegen besonders beachtet. Dies nennt man auch selektive Aufmerksamkeit, der Mensch sucht sich immer Gründe welche die eigene Meinung bzw. die eigenen Erwartungen bestätigen – ähnlich wie bei Vorurteilen
An den Börsen wird dieser Effekt noch durch den Herdentrieb verstärkt: je mehr Marktteilnehmer eine sehr bullishe oder eine sehr bearishe Sichtweise haben, dementsprechend die News und Signale filtern und entsprechend handeln, desto stärker bewegt sich der Markt in eine bestimme Richtung. Je stärker sich die Kurse jedoch bewegen, desto mehr Menschen springen auf den Zug auf, denn der Mensch fühlt sich in einer großen Gruppe Gleichgesinnter wohler als alleine auf weiter Fluhr. Dies ist übrigends auch der Hauptgrund, warum so wenige Anleger antizyklisch agieren, also kaufen wenn die Panik am größten ist und verkaufen wenn die große Mehrheit von einem immerwährenden Boom ausgeht. Der Mensch fühlt sich schlichtweg nicht wohl darin seine eigene Meinung zu bilden und danach zu handeln, lieber geht er in einer großen Gruppe – wissentlich – unter, als alleine Recht zu haben zu können.
In der jüngeren Vergangenheit bieten die Börsen, und hier vor allem der Dax, zwei sehr gute Beispiele dafür, was für Auswirkungen Herdentrieb und selektive Wahrnehmung, gepaart mit Angst bzw. großem Optimismus haben können. Ein Blick auf den Dax Chart vom August 2011 offenbart ein wunderbares Beispiel von starker Fokussierung auf negative Nachrichten, gepaart mit dem erwähnten Herdentrieb. So stürzte der Dax innerhalb von nur acht Handelstagen in der Spitze um mehr als 23 Prozent ab. Zwar gab es auch ein charttechnisches Signal (Bruch des Supports bei 6.990 Punkten) allerdings wurde dieser Mini-Crash hauptsächlich mit der europäischen Schuldenkrise und Sorgen vor einem Einbruch der Weltkonjunktur begründet. Dabei hat sich innerhalb dieser rund zwei Wochen fundamental fast nichts geändert.
Die Probleme um Griechenland sind schon seit 2010 öffentlich bekannt, auch Spanien und Italien sind nicht innerhalb dieser acht Handelstage ins Feuer der “Spekulanten” geraten. Zwar gab es ein paar nicht ganz überzeugende Wirtschaftsdaten, diese haben die konjunkturellen Aussichten aber nicht plötzlich von Aufschwung auf Einbruch gedreht. Was war also passiert? Ganz genau kann das natürlich niemand beantworten, die Abstufung der USA durch S&P war aber definitiv nicht der Grund. Diese erfolgte nämlich erst am 6.August und damit gegen Ende des Börsenabsturzes. Eine nicht unbedeutende Rolle spielte sicher auch das High Frequency Trading, worauf ich in der nächsten Woche genauer eingehen werde.
Der Hauptgrund dafür, dass der Aktienmarkteinbruch in diesem Umfang möglich war, war und ist jedoch die Psyche der Anleger. Je stärker der Dax fiel, desto stärker wurde der Fokus auf die negativen Schlagzeilen gelegt. Gleichzeitig haben immer mehr Investoren kalte Füße bekommen und sind ausgestiegen, wodurch die Kurse noch weiter gefallen sind. Leztlich war es wahrscheinlich eine Mischung der folgenden Komponenten: selektive Aufmerksamkeit, negative Fundamentaldaten, Angst und der Herdentrieb, wenn viele andere Menschen ihre Aktien verkaufen das gleiche zu tun. Dies ist natürlich ein sich immer weiter verstärkender Teufelskreis, welcher nur durch exogene Faktoren durchbrochen werden kann. Auch hier ist es natürlich nur Spekulation, auffällig ist jedoch dass das Tief im September 2011 relativ genau eine 61 prozentige Korrektur des Bullenmarktes von März 2009 bis Juli 2011 ist. Eine Korrektur um 61 Prozent gilt als das maximale Ausmaß einer Korrektur, ohne das der vorherrschende Trend gebrochen wurde. Hier könnten also einige instututionelle Anleger eingestiegen sein und den Markt damit gestützt haben.
Auch der starke Aufwärtstrend in welchem sich der Dax nun seit Ende Dezember befindet, könnte durchaus ein Beispiel für eine Übertreibung sein. Es hat sich seitdem fundamental nicht wirklich etwas geändert: Griechenland ist immernoch pleite, in den letzten Wochen wechseln sich positive und negative Schlagzeilen bzgl. des Schuldenschnittes regelmäßig ab. Mit Ausnahme der offiziellen Zahlen zum amerikanischen Arbeitsmarkt haben sich auch die Konjunkturdaten nicht gebessert, so deuten die Einkaufsmanagerindizes in einigen europäischen Staaten immernoch auf eine Rezession hin. Es fällt allerdings ins Auge, dass der Startschuss für den momentanen Aufwärtstrend mit der Ausgabe des Langfristtender durch die EZB übereinstimmt. Ist die momentane Rallye also einfach nur von billigem Geld getrieben? Dies ist sicherlich ein Grund, doch ein Blick auf die Einlangenfazilität der EZB zeigt, dass ein großer Teil des billigen Geldes direkt wieder bei der Zentralbank eingelagert wurde.
Somit fällt auch in diesem Fall der Blick auf die Psyche der Marktteilnehmer. Lässt man die Kommentare und Artikel in den Wirtschaftszeitungen und von den “Experten” im Fernsehen einmal Revue passieren, so fällt doch auf, dass die positiven Nachrichten immer besonders betont wurden. Außerdem sind die Aktienmärkte auffällig oft auch an den Tagen gestiegen, an welchen schlechte Nachrichten aus Griechenland oder von Seiten der Konjunktur zu hören waren. Diese scheinen einfach ausgeblendet worden zu sein, Stichwort selektive Wahrnehmung.
Damit liegt für mich der Verdacht nahe, dass wir es auch jetzt mit einer Übertreibung an den Börsen zu tun haben, welche zwangsläufig irgendwann korrigiert wird. Die Situation ist momentan zwar nicht so ausgeprägt wie im August 2011, da auch das billige Geld der EZB und die Hoffnung auf QE3 durch die FED eine nicht unwesentliche Rolle spielen, eine gewisse Überreaktion der Anleger scheint mir allerdings der Fall zu sein. Das Ende einer solchen irrationalen Übertreibung lässt sich relativ gut abschätzen, indem man die Reaktion der Kurse auf wichtige News beobachtet. Sobald der Kurs bei deutlich besser als erwartet ausgefallenen Daten nicht mehr steigt (oder sogar fällt) ist höchste Vorsicht geboten. Dies ist heute der Fall. Umgekehrt gilt selbiges natürlich in einem Abwärtstrend.
Ich hoffe dieser Artikel hilft etwas dabei, die teilweise auf den ersten Blick willkürlich erscheinenden Bewegungen an den Börsen etwas besser zu verstehen. Die menschliche Psyche ist und bleibt der wichtigste Teil im Börsenhandel und wenn man versteht welche grundlegenden Gemeinsamkeiten die Personen hinter den Bildschirmen in ihrem Verhalten haben, hat man schon einen wichtigen Teil verinnerlicht.













