Nächste Leitzinserhöhung im Juli
Angesichts der hohen Inflationsrate im Euro-Raum sprach EZB-Präsident Jean-Claude Trichet bei der monatlichen Pressekonferenz von “großer Wachsamkeit”. Mit diesen Worten hatte er bereits in der Vergangenheit bevorstehende Leitzinserhöhungen signalisiert. Auch wenn der Schritt noch nicht offiziell verkündet ist, so besteht doch eine sehr große Wahscheinlichkeit dass der Leitzins heraufgesetzt wird. Auf eine Anhebung schon in diesem Monat verzichtet die EZB allerdings. Somit bleibt der für die Refinanzierung der Geschäftsbanken entscheidende Zinssatz bis Juli vorerst bei 1,25 Prozent.
Das Hauptziel dieser erneuten Leitzinserhöhung ist die Bekämpfung der Inflation. Wie wirkungsvoll dieser Schritt ist bleibt aber abzuwarten, schließlich wirft vor allem die amerikanische Notenbank FED nachwievor Liquidität zu einem Zinssatz zwischen 0 und 0,25 Prozent auf den Markt.Dieses “neue” Geld bleibt natürlich nicht in Amerika, sondern verteilt sich über die ganze Welt und damit auch nach Europa. Dementsprechend könnte die Maßnahme der EZB mehr oder weniger verpuffen.
Zumal die Inflation nicht nur durch die niedrigen Leitzinsen, sondern auch durch Ankaufprogramme befeuert wird. So kauft die EZB seit einigen Monaten griechische Staatsanleihen auf, um das hoffnungslos überschuldete Land zu stützen. Das Geld, welches für die Käufe verwendet wird, wird allerdings neu erschaffen. Auch damit steigt die sich im Umlauf befindliche Geldmenge, womit eine der Grundvoraussetzungen für Inflation gegeben ist.
Ein großes Problem ist, dass in vielen europäischen Ländern der Realzins aufgrund der realativ hohen Inflation derzeit negativ ist. Das bedeutet, dass die Menschen welche Geld auf einem Tages- oder Festgeldkonto gelagert haben, stetig an Kaufkraft verlieren. Siehe dazu auch: Enteignung der Sparer!
Doch auch im Hinblick auf die Schuldenkrise in einigen europäischen Staaten könnte die Anhebung des Leitzinses für Probleme sorgen. Griechenland, Irland und Portugal werden bereits mit Notkrediten von EU und Internationalem Währungsfonds (IWF) gestützt und müssen sich derzeit nicht am Markt refinanzieren Daher hat ein höherer Leitzins keine unmittelbaren Folgen für ihre zu zahlenden Zinsen. Anders sieht es allerdings bei Spanien und Italien aus, die seit Ausbruch der Schuldenkrise ebenfalls unter verschärfter Beobachtung stehen.
Wirtschaftlich so schwache Länder wie Spanien – mit einer Arbeitslosenquote von über 20% und einer enormen Abhängigkeit vom Tourismus – nun auch noch durch einen erhöten Leitzins zu belasten ist meiner Meinung nach der falsche Weg. Die Weltwirtschaft kühlt sich immer weiter ab und das wird auch die EU zu spüren bekommen. Doch wenn die Leute weniger Geld zur Verfügung haben, reisen sie weniger – so schließt sich der Kreis mit Spanien. Außerdem verteuern sich Kredite an Unternehmens durch einen höheren Leitzins, was ebenfalls zur Abwürgung der Wirtschaft beiträgt.
Auch die Reaktion der Märkte ist nur auf den ersten Blick überraschend: normalerweise verteuert sich der Euro bei Leitzinserhöhungen gegenüber dem Dollar, gestern viel der Kurs jedoch nach der Pressekonferenz. Der Grund dafür ist jedoch ziemlich simpel: die gestrige Ankündigung war für viele Marktteilnehmer keine Überraschung, demensprechend war die wohl kommende Leitzinserhöhung bereits in den Kursen eingepreist. “Sell on facts” war somit die Devise, es wurden einfach Gewinne mitgenommen.



